Die meisten Gäste kommen wegen Rügen und nehmen Stralsund als Durchfahrt. Das ist ein Fehler, und man merkt ihn spätestens, wenn man auf dem Alten Markt steht: Vor einem ein Rathaus mit einem Giebel, der aussieht wie eine steinerne Theaterkulisse, dahinter ein Kirchturm von über hundert Metern, und ringsum eine Stadt, die vom Wasser eingekesselt ist. Denn Stralsunds Altstadt ist im wörtlichen Sinn eine Insel: Vorn der Strelasund, hinten Knieper- und Frankenteich.
Die Hansestadt hat rund 55.000 Einwohner, ihre Altstadt gehört seit 2002 gemeinsam mit Wismar zum UNESCO-Welterbe, und sie ist zugleich das Tor zur Insel Rügen. Alle Termine, Öffnungszeiten und Führungen findest du bei Stralsund Tourismus; hier bekommst du meine ehrliche Version, was die Stadt selbst zu bieten hat – jenseits der Rolle als Sprungbrett.
Stralsund in fünf Zeilen
- Die Altstadtinsel: vom Strelasund und zwei großen Teichen umgeben – man verlässt sie über Brücken.
- Das Rathaus: ab etwa 1300 gebaut, mit einem Schaugiebel, der im gesamten Ostseeraum einzigartig ist.
- Drei Backsteinkirchen: St. Marien mit besteigbarem Turm, St. Nikolai mit einer astronomischen Uhr von 1394, St. Jakobi als Kulturkirche.
- Gorch Fock I: das originale Segelschulschiff von 1933 liegt als Museumsschiff im Hafen.
- Der Dänholm: die kleine Insel zwischen Stadt und Rügen gilt als Geburtsstätte der preußischen Marine.
Das Rathaus: ein Giebel, der nichts trägt
Das Rathaus am Alten Markt ist der beste Einstieg in die Stadt, weil es alles erzählt, was Stralsund ausmacht. Gebaut wurde es ab etwa 1300 bis 1310, und damit gehört es zu den ältesten und bedeutendsten Profanbauten der deutschen Ostseeküste. Der Schaugiebel an der Marktseite ist reine Ansage: eine durchbrochene Fassade mit Rosetten, die kein Dach trägt, sondern schlicht Wohlstand demonstriert – im Ostseeraum gibt es dafür kein zweites Beispiel.
Wer genau hinsieht, entdeckt über den Fenstern die Wappen benachbarter Hansestädte – ein mittelalterliches Bekenntnis dazu, wem die Stadt ihren Reichtum verdankte. Unten liegt ein sechsschiffiger Gewölbekeller, in dem einst Tuch verkauft wurde und der heute für Veranstaltungen genutzt wird, und im Erdgeschoss zieht sich ein Laubengang durch das Gebäude, den man frei durchqueren kann. Offizielle Hausführungen gibt es allerdings nicht.
Drei Kirchen und eine Uhr, die seit 1394 läuft
Stralsund hat drei große Pfarrkirchen, und alle drei lohnen sich aus unterschiedlichen Gründen. St. Marien ist die größte: Ihr Turm ist 104 Meter hoch, 366 Stufen führen nach oben, und von dort sieht man über die komplette Altstadt hinweg bis nach Rügen. Wer nur einen Aufstieg in dieser Stadt macht, macht diesen.
St. Nikolai ist die älteste, erstmals 1276 erwähnt und dem Seefahrerpatron geweiht – was in einer Hansestadt keine Überraschung ist. Ihr größter Schatz ist eine astronomische Uhr von 1394, eine der wenigen erhaltenen ihrer Art. Dazu kommen ein gotischer Hochaltar, ein Barockaltar nach einem Entwurf von Andreas Schlüter, eine Kanzel von 1611 und zwei berühmte Orgeln. Der Eintritt liegt bei wenigen Euro, sonntags ist er frei. St. Jakobi schließlich wird heute als Kulturkirche genutzt – Konzerte in halbfertigen Mauern, was einen ganz eigenen Reiz hat.
Hafen, Gorch Fock I und die Museen im Kloster
Am Hafen liegt ein Schiff, das viele nur vom Namen kennen: die Gorch Fock I, gebaut 1933 und damit die originale Namensgeberin der heutigen Marine-Bark. Sie liegt als Museumsschiff fest und lässt sich vom Deck bis unter Deck begehen – deutlich greifbarer als jedes Modell in einer Vitrine.
Ein paar Straßen weiter steckt in einem ehemaligen Dominikanerkloster das Katharinenkloster, das gleich zwei Häuser beherbergt: das Deutsche Meeresmuseum und das Stralsund Museum. Wichtig für die Planung: Das Haus war für die umfassendste Sanierung seit Jahrzehnten geschlossen und soll mit einer neuen Dauerausstellung auf rund 1.700 Quadratmetern wieder öffnen – prüfe vor dem Besuch unbedingt die aktuellen Öffnungszeiten. Der bekanntere Ableger der Stiftung, das Ozeaneum am Hafen, hat durchgehend offen; alles zu Tickets, Preisen und dem Besuch mit Kindern haben wir in einem eigenen Beitrag zum Ozeaneum Stralsund zusammengetragen.
Der Dänholm: wo die preußische Marine anfing
Zwischen Stralsund und Rügen liegt eine kleine Insel, die fast alle überfahren, ohne sie zu bemerken. Der Dänholm war im Mittelalter bei den Belagerungen der Stadt strategisch wichtig und wurde später zur Geburtsstätte der preußischen Marine; danach nutzten das Deutsche Reich und die DDR die Insel militärisch. In einer ehemaligen Kaserne innerhalb der Mauern einer historischen Sternschanze zeigt heute das Marinemuseum Uniformen, Waffen, Schiffsmodelle und Dokumente – draußen stehen ein Hubschrauber und ein Torpedoschnellboot.
Erreichbar ist der Dänholm über den Rügendamm, und wer schon dort ist, sollte einen Blick auf die Brücken werfen: Die 2007 eröffnete Rügenbrücke ist mit gut vier Kilometern Gesamtlänge und 42 Metern Durchfahrtshöhe das größte Bauwerk der Region, ihre Pylone ragen knapp 128 Meter auf und lassen die Konstruktion von Weitem wie eine Segelyacht aussehen. Vorher war der schmale Rügendamm die einzige Verbindung zur Insel – bei bis zu 30.000 Fahrzeugen am Tag.
Raus aus der Stadt: Hiddensee und die Insel nebenan
Vom Hafen starten Ausflugsschiffe zur autofreien Insel Hiddensee, dem stillsten Gegenentwurf zu Rügen: keine Autos, Sanddornhänge, ein Leuchtturm und eine Landschaft, die Generationen von Künstlern angezogen hat. Fahrpläne und Verbindungen bündelt die Reederei Hiddensee; für einen Tagesausflug sollte man den ganzen Tag einplanen.
Und natürlich liegt Rügen direkt gegenüber – wie man Stadt und Insel sinnvoll kombiniert, welche Seebäder wofür stehen und wie man ohne Auto herumkommt, steht in unserem Beitrag zu Stralsund und Rügen. Für einen einzelnen Ort auf der Insel lohnt der Blick nach Binz oder ins kleinere Sellin mit seiner Seebrücke.
Kulinarisch: eine Brauerei von 1827 und ein Tisch im Gotikhaus
Stralsund isst hanseatisch und trinkt selbstgebraut. Auf den Karten stehen Ostseefisch, Hering und Zander, dazu Sanddorn und – ein Stralsunder Klassiker – Bismarckhering, der hier eine lange Tradition hat. Das eigentliche Aushängeschild ist aber flüssig: Die Störtebeker Braumanufaktur braut seit 1827 am Standort und ist heute für ihre preisgekrönten Spezialbiere bekannt; im Brauquartier gibt es täglich Führungen samt Verkostung.
Essen kann man dann eine Etage tiefer in der Geschichte: Die Wulflamstuben sitzen im Wulflamhaus direkt am Alten Markt, einem der schönsten gotischen Giebelhäuser der Stadt. Maritimer und moderner wird es im Speicher 8, einem umgebauten Hafenspeicher direkt am Wasser. Und woran du an der Küste ein gutes Fischbrötchen erkennst, steht in unserem ehrlichen Genuss-Guide zu Fischbrötchen und Küstenküche.
Stralsund durch das Jahr
Stralsund ist die seltene Küstenadresse, die im Winter nicht zumacht – als Stadt funktioniert sie ganzjährig. Im Frühjahr und Herbst läuft man die Backsteingotik ohne Gedränge ab, und die Unterkunftspreise liegen deutlich unter denen der Insel. Der Sommer bringt Hafenflair, Ausflugsschiffe und die Wallensteintage im Juli, wenn die Altstadt sich in ein historisches Fest verwandelt.
Weil die Stadt kompakt und überdacht organisiert ist, trägt sie Regentage besser als jedes Seebad: Kirchen, Museen, Brauereiführung und Ozeaneum liegen alle in Gehweite. Konkrete Schlechtwetter-Ideen für Stadt und Insel haben wir in unserem Beitrag zu Stralsund und Rügen gesammelt. Und im Dezember zieht der Weihnachtsmarkt auf den Alten Markt, mit dem Handwerkermarkt im Rathauskeller.
Passt Stralsund zu dir?
Für Städtereisende ist Stralsund fast ideal: kompakte Welterbe-Altstadt, drei große Kirchen, ein Hafen mit Museumsschiff und alles zu Fuß erreichbar. Wer mit Kindern kommt, hat mit Ozeaneum, Zoo und Schiffen genug Programm. Und wer Rügen erkunden will, wohnt hier spürbar günstiger als drüben und ist über die Brücke in Minuten auf der Insel – die Kombination aus Stadt und Strand ist der eigentliche Trumpf.
Zwei ehrliche Einschränkungen: Stralsund ist keine Badeadresse. Es gibt eine kleine Badestelle am Strelasund, aber für einen echten Strandtag fährt man nach Rügen. Und die Altstadtinsel ist eng bebaut: Parkraum ist knapp und bewirtschaftet, weshalb Parkhäuser am Rand die bessere Wahl sind. Wer Ruhe sucht, ist in einem der Seebäder besser aufgehoben – dafür verpasst er die Backsteingotik.
Praktisch: hinkommen und sich zurechtfinden
Stralsund liegt am Fernverkehrsnetz: Direkte Züge kommen aus Berlin, Hamburg und Rostock, Regionalzüge fahren weiter nach Rügen. Vom Hauptbahnhof sind es rund fünfzehn Gehminuten auf die Altstadtinsel. Mit dem Auto sind es ab Hamburg etwa 270 Kilometer und ab Berlin rund 240, in beiden Fällen überwiegend über die A20.
Vor Ort brauchst du kein Auto: Altstadt, Hafen, Kirchen und Ozeaneum liegen dicht beieinander, und für den Dänholm reicht das Rad. Für die Stadtübersicht lohnt der Blick in die Sehenswürdigkeiten-Übersicht der Hansestadt. Zwei vollständige Tage reichen für die Höhepunkte; wer Stralsund als Basis für Rügen nutzt, plant besser vier bis sieben Nächte. Deine passende Bleibe findest du bei unseren Ferienwohnungen in Stralsund.
Häufige Fragen zu Stralsund
Warum ist die Altstadt von Stralsund eine Insel?
Die historische Altstadt liegt zwischen dem Strelasund auf der einen und den beiden großen Stadtteichen Knieperteich und Frankenteich auf der anderen Seite – man erreicht sie nur über Brücken und Dämme. Diese Lage war im Mittelalter der beste Schutz der Stadt und ist heute der Grund, warum die Altstadt so kompakt geblieben ist: Alles Wichtige liegt auf wenigen Quadratkilometern und ist zu Fuß erreichbar.
Kann man in Stralsund einen Kirchturm besteigen?
Ja, in St. Marien. Der Turm ist 104 Meter hoch, und 366 Stufen führen hinauf zur Aussicht. Von oben sieht man die gesamte Welterbe-Altstadt, den Hafen, die Brücken und bei klarer Sicht weit auf die Insel Rügen hinüber. Es ist der beste Überblick, den die Stadt zu bieten hat – festes Schuhwerk und ein wenig Kondition vorausgesetzt.
Was ist an der astronomischen Uhr in St. Nikolai besonders?
Die Uhr stammt aus dem Jahr 1394 und gehört damit zu den wenigen erhaltenen astronomischen Uhren dieser Epoche. St. Nikolai selbst ist die älteste der drei Stralsunder Pfarrkirchen, erstmals 1276 erwähnt und dem Schutzpatron der Seefahrer geweiht. Zur Ausstattung zählen außerdem ein gotischer Hochaltar, ein Barockaltar nach einem Entwurf Andreas Schlüters und eine Kanzel von 1611.
Was ist die Gorch Fock I in Stralsund?
Die Gorch Fock I ist das originale Segelschulschiff von 1933, nach dem die heute fahrende Marine-Bark benannt ist. Sie liegt im Stralsunder Hafen als Museumsschiff fest und kann von Deck bis unter Deck besichtigt werden. Für alle, die Segelschiffe nicht nur von außen sehen wollen, ist das eines der greifbarsten Ziele der Stadt.
Warum lohnt sich ein Ausflug auf den Dänholm?
Der Dänholm ist die kleine Insel zwischen Stralsund und Rügen, über die der Rügendamm führt. Sie gilt als Geburtsstätte der preußischen Marine und wurde später vom Deutschen Reich und der DDR militärisch genutzt. In einer ehemaligen Kaserne innerhalb einer historischen Sternschanze zeigt heute das Marinemuseum Uniformen, Waffen und Schiffsmodelle; im Freigelände stehen ein Hubschrauber und ein Torpedoschnellboot.
Wie kommt man von Stralsund nach Hiddensee?
Vom Stralsunder Hafen fahren Ausflugsschiffe zur autofreien Insel Hiddensee. Die Fahrzeiten hängen von Saison und Fahrplan ab, weshalb sich ein Blick auf die aktuellen Verbindungen der Reederei lohnt; in der Hauptsaison ist eine Buchung im Voraus sinnvoll. Für Hiddensee sollten Sie einen kompletten Tag einplanen, weil Hin- und Rückfahrt zusammen mehrere Stunden dauern und die Insel selbst nur zu Fuß, per Rad oder mit der Kutsche erkundet wird.
Fazit: die Stadt, für die man einen eigenen Tag braucht
Stralsund verdient mehr als die Stunde, die ihm die meisten Rügen-Reisenden auf dem Weg zur Brücke einräumen. Ein Rathausgiebel ohne Vergleich im Ostseeraum, eine Uhr, die seit 1394 läuft, ein Segelschulschiff von 1933 und eine Insel, auf der die preußische Marine anfing – das ist mehr Geschichte, als in ein Nachmittagsprogramm passt.
Jetzt bin ich neugierig: Was reizt dich mehr – der Aufstieg im Turm von St. Marien, die astronomische Uhr in St. Nikolai oder ein Abend im Brauquartier? Schreib es mir in die Kommentare, und wenn du Fragen zur Kombination von Stadt und Insel hast, immer her damit. Und wenn dir der Guide gefallen hat, gib ihn an alle weiter, die Stralsund bisher nur durchfahren haben.
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