Es gibt Orte, die sich über ein einziges Bauwerk definieren, und Sellin ist so einer. Die Seebrücke am Fuß der Steilküste ist das meistfotografierte Motiv Rügens, und sie hat einen Trick, den keine andere in Deutschland auf diese Weise hat: Am Brückenkopf steigt man in eine Gondel und fährt damit unter die Wasseroberfläche. Trockenen Fußes, mitten in der Ostsee.
Sellin ist ein Ostseebad mit rund 2.500 Einwohnern im Südosten Rügens, eingeklemmt zwischen Ostsee, Selliner See und dem Buchenwald der Granitz. Der Ort liegt oben auf der Steilküste, der Strand liegt unten – dazwischen 99 Stufen. Alle Termine und Öffnungszeiten für die Insel bündelt der Tourismusverband Rügen; hier bekommst du meine ehrliche Version, was Sellin ausmacht und wo es eng wird.
Sellin in fünf Zeilen
- Die Seebrücke: 394 Meter lang und damit die längste Rügens – wieder eröffnet 1998 nach historischem Vorbild.
- Die Tauchgondel: am Brückenkopf geht es seit 2008 in einer verglasten Kabine unter die Ostsee.
- Die Himmelsleiter: 99 Stufen führen von der Wilhelmstraße hinunter zum Strand, alternativ fährt ein Aufzug.
- Die Wilhelmstraße: eine Flaniermeile aus weißen Villen der Bäderarchitektur, direkt oberhalb der Küste.
- Zwei Gewässer: vorne die Ostsee, hinten der stille Selliner See – ein Ort mit zwei Ufern.
Die Seebrücke: dreimal zerstört, dreimal gebaut
Die Geschichte dieser Brücke erzählt nebenbei die Geschichte der Ostsee. Die erste Seebrücke entstand 1906 und war mit 508 Metern deutlich länger als die heutige. Packeis beschädigte sie 1918 und 1924 schwer, 1920 brannte der Brückenkopf ab. Ein Neubau von 1925 mit Plattform und Konzerthalle hielt bis zum Eiswinter 1941/42, dann war auch er weitgehend zerstört. Erst 1992 begann der Wiederaufbau, bei dem sich die Architekten an den historischen Entwürfen orientierten – am 2. April 1998 wurde die neue Brücke eröffnet.
Heute misst sie 394 Meter und ist damit die längste Seebrücke Rügens. Der eigentliche Grund, ganz hinauszulaufen, wartet aber am Kopf: Die Tauchgondel ist eine verglaste Kabine, die seit September 2008 mit bis zu dreißig Personen langsam unter die Wasseroberfläche abgesenkt wird. Eine Fahrt dauert dreißig bis vierzig Minuten, man sieht die Unterwasserwelt der Ostsee durch Panoramafenster, und das funktioniert bei fast jedem Wetter – deshalb ist sie an Regentagen regelmäßig ausgebucht. Hunde dürfen nicht mit.
Himmelsleiter, Wilhelmstraße und ein Ort auf zwei Ebenen
Sellin ist ein Ort mit Höhenunterschied, und das prägt alles. Oben, auf der Steilküste, verläuft die Wilhelmstraße: eine Flaniermeile mit sorgfältig restaurierten Villen der Bäderarchitektur, weiß gestrichen, mit Loggien, Türmchen und Schnitzwerk. Dazwischen liegen Läden, Cafés und Restaurants. Wer nur einmal langsam hindurchgeht, hat den Ort schon zur Hälfte verstanden.
Am Ende der Straße bricht die Küste ab, und dort setzt die Himmelsleiter an – eine Treppenanlage mit 99 Stufen, die hinunter zur Seebrücke und zum Strand führt. Der Name ist keine Übertreibung, wenn man sie mit Strandtasche wieder hochsteigt; wer das nicht möchte, nimmt den Aufzug daneben. Unten liegt der feine, flach abfallende Sandstrand unterhalb der bewaldeten Steilküste, im Sommer mit bewachten Abschnitten und Strandkorbvermietung.
Der zweite See: die stille Rückseite von Sellin
Fast alle Gäste kennen nur die Meerseite. Dabei liegt hinter dem Ort der Selliner See, ein Boddengewässer, das über einen schmalen Durchlass mit dem Greifswalder Bodden verbunden ist – windgeschützt, still und ein völlig anderes Landschaftsbild als die offene Ostsee. Am Ufer verlaufen Wanderwege, es gibt Bootsverleih und einen Anleger, und an Tagen mit steifer Brise an der Seebrücke ist es hier auffällig ruhig.
Direkt anschließend beginnt die Granitz, ein Buchenwaldgebiet, das sich über die Hügel Richtung Binz zieht. Durch diesen Wald führen Wander- und Radwege, und mittendrin, auf dem Tempelberg inmitten von rund 1.000 Hektar Wald, steht das Jagdschloss Granitz, einst Jagdsitz der Fürsten zu Putbus. Ausführlich haben wir es in unserem Guide zu Binz behandelt – von Sellin aus ist es zu Fuß, mit dem Rad oder mit der Bahn erreichbar.
Der Rasende Roland hält mitten im Ort
Sellin hat einen Bahnhof, an dem eine Dampflok hält – und das ist keine Museumsattraktion am Ortsrand, sondern öffentlicher Nahverkehr. Der Rasende Roland fährt auf 750 Millimetern Spurweite von Lauterbach Mole über Putbus, Binz und Sellin nach Baabe und Göhren. Unterwegs gibt es Bedarfshalte mit Namen wie Beuchow, Serams und Jagdschloß – Letzterer ist der höchstgelegene Haltepunkt Rügens und der bequemste Zustieg für den Weg zum Jagdschloss.
Praktisch heißt das: Man kann in Sellin wohnen und die Nachbarbäder ohne Auto abklappern. Baabe ist die ruhige, waldnahe Variante, Göhren liegt an der Spitze des Mönchgut, und Binz ist das große, lebhafte Seebad nebenan.
Raus aus dem Ort: Mönchgut, Granitz und die Kreidefelsen
Sellin liegt am Rand des Biosphärenreservats Südost-Rügen, das Granitz, Mönchgut und die vorgelagerten Boddengewässer umfasst. Die Halbinsel Mönchgut ist die eigenwilligste Ecke der Insel: schmale Landzungen, Hügelketten, Fischerdörfer und eine Kulturlandschaft, die sich seit Jahrhunderten kaum verändert hat.
Weiter nördlich beginnt der Nationalpark Jasmund mit den Kreidefelsen und dem Königsstuhl, dessen Nationalpark-Zentrum die Buchenwälder und die Kreideküste erklärt. Das ist von Sellin aus ein Tagesausflug, kein Abstecher. Wer die Insel und die vorgelagerte Hansestadt in einem Rutsch verstehen will, findet in unserem Beitrag zu Stralsund und Rügen die passende Route.
Kulinarisch: Fisch, Bäderarchitektur und ein Tisch mit Meerblick
In Sellin isst man vor allem an einer Straße: der Wilhelmstraße. Weil die Bädervillen im Erdgeschoss Platz für Gastronomie bieten, reihen sich hier Restaurants und Cafés, und weil der Ort klein ist, sind alle zu Fuß erreichbar. Auf den Karten stehen Ostseefisch, Zander und Hering, dazu Wild aus der Granitz und – ein Rügener Thema – Sanddorn.
Klassisch und ohne Umwege bekommt man Fisch im Zum Skipper an der Wilhelmstraße. Mediterran wird es im Restaurant Glückauf, und wer gehobener essen will, findet im Privathotel Roewers gleich mehrere Restaurants unter einem Dach. Etwas außerhalb, oberhalb der Steilküste, liegt das Cliff Hotel mit weitem Blick über die Ostsee. Einen Überblick über die Küche der ganzen Insel gibt der Tourismusverband unter Kultur und Kulinarik. Und woran du an der Küste ein gutes Fischbrötchen erkennst, steht in unserem ehrlichen Genuss-Guide zu Fischbrötchen und Küstenküche.
Sellin durch das Jahr
Im Frühjahr blüht die Granitz, die Wilhelmstraße gehört den Einheimischen, und die Seebrücke steht ohne Warteschlange da. Der Sommer bringt volle Strandabschnitte und Wassertemperaturen um achtzehn bis zwanzig Grad; Sellin gehört mit rund 1.900 Sonnenstunden im Jahr zu den sonnenreichsten Ecken Deutschlands, was man an der Auslastung merkt. Der Herbst ist die Zeit der Waldspaziergänge und der leeren Brücke im Abendlicht.
Bei Regen ist die Tauchgondel das offensichtliche Ziel, weil sie ohnehin unter Wasser stattfindet. Dazu kommt mit dem AHOI! Erlebnisbad ein Bad direkt im Ort, das einen kompletten Nachmittag trägt. Und im Winter liegt die beleuchtete Seebrücke fast menschenleer über der Ostsee – für viele Stammgäste die schönste Zeit hier.
Passt Sellin zu dir?
Für Paare und Fotografen ist Sellin schwer zu schlagen: Bäderarchitektur, Steilküste und die Brücke im Abendlicht ergeben eine Kulisse, die man so oft sieht, weil sie tatsächlich funktioniert. Familien profitieren vom flachen Strand, der Tauchgondel und dem Rasenden Roland als Erlebnis mit Fahrplan. Und wer wandern will, hat mit Granitz und Mönchgut zwei sehr unterschiedliche Landschaften direkt vor der Tür.
Zwei ehrliche Einschränkungen: Sellin ist klein und im Sommer entsprechend voll – auf der Wilhelmstraße und an der Seebrücke ist im August wenig von Ruhe zu spüren, und die Unterkünfte sind früh vergeben. Und der Höhenunterschied ist real: Wer schlecht zu Fuß ist, sollte bei der Unterkunft auf die Lage achten oder den Aufzug einplanen. Wer es ruhiger mag, wohnt in Baabe und kommt mit der Bahn herüber.
Praktisch: hinkommen und sich zurechtfinden
Rügen ist über die Rügenbrücke bei Stralsund ohne Fähre erreichbar; ab dort führt die B196 in gut vierzig Minuten nach Sellin. Ab Berlin sind es rund 320 Kilometer, ab Hamburg etwa 330. Mit der Bahn fährt man bis Bergen auf Rügen oder Binz und steigt in den Rasenden Roland um, der mitten im Ort hält.
Vor Ort brauchst du kein Auto: Der Ortskern ist kompakt, die Bahn verbindet die Nachbarbäder, und Parkraum an der Wilhelmstraße ist in der Hochsaison ohnehin knapp. Für den Strand fällt eine Kurabgabe an, die über die Unterkunft läuft. Plane für Tauchgondel und Seebrücke lieber den Vormittag ein, nimm auch im Sommer eine Jacke für den Abend auf der Brücke mit, und buche früh. Deine passende Bleibe findest du bei unseren Ferienwohnungen in Sellin.
Häufige Fragen zu Sellin
Wie lang ist die Seebrücke in Sellin?
Die heutige Seebrücke misst 394 Meter und ist damit die längste Seebrücke Rügens. Sie ist bereits die dritte an dieser Stelle: Die erste von 1906 war mit 508 Metern noch länger, wurde aber durch Packeis und einen Brand zerstört; ein Neubau von 1925 fiel dem Eiswinter 1941/42 zum Opfer. Der Wiederaufbau nach historischem Vorbild begann 1992, eröffnet wurde die Brücke am 2. April 1998.
Was ist die Tauchgondel an der Selliner Seebrücke?
Die Tauchgondel ist eine verglaste Kabine am Kopf der Seebrücke, die langsam unter die Wasseroberfläche abgesenkt wird. Sie ist seit September 2008 in Betrieb, fasst bis zu dreißig Personen, und eine Fahrt dauert dreißig bis vierzig Minuten. Durch die Panoramafenster sieht man die Unterwasserwelt der Ostsee, ohne nass zu werden. Weil die Fahrt fast wetterunabhängig funktioniert, ist sie an Regentagen oft ausgebucht; Hunde sind nicht erlaubt.
Was ist die Himmelsleiter in Sellin?
Die Himmelsleiter ist die Treppenanlage, die vom Ende der Wilhelmstraße oben auf der Steilküste hinunter zur Seebrücke und zum Strand führt. Sie hat 99 Stufen. Wer den Aufstieg vermeiden möchte, nimmt den Aufzug direkt daneben. Der Höhenunterschied prägt den ganzen Ort: Sellin liegt oben, der Strand unten – bei der Wahl der Unterkunft lohnt es sich deshalb, auf die Lage zu achten.
Hält der Rasende Roland in Sellin?
Ja, die schmalspurige Dampfbahn hält mitten im Ort. Sie fährt auf 750 Millimetern Spurweite von Lauterbach Mole über Putbus, Binz und Sellin weiter nach Baabe und Göhren. Damit lassen sich die Nachbarbäder bequem ohne Auto erreichen. Sehenswert ist auch der Bedarfshalt Jagdschloß – der höchstgelegene Haltepunkt der Insel und der kürzeste Weg zum Jagdschloss Granitz.
Was kann man in Sellin bei Regen unternehmen?
Das naheliegendste Ziel ist die Tauchgondel, die ohnehin unter Wasser stattfindet und bei fast jedem Wetter fährt. Dazu kommt ein Erlebnisbad direkt im Ort, das einen kompletten Nachmittag trägt. Wer weiter fahren mag, nimmt den Rasenden Roland und besucht das Jagdschloss Granitz im Wald oder fährt nach Stralsund. Und ein Bummel durch die überdachten Gassen der Wilhelmstraße samt Kaffeepause funktioniert auch im Nieselregen.
Was liegt hinter Sellin auf der Landseite?
Hinter dem Ort liegt der Selliner See, ein stilles Boddengewässer mit Wanderwegen, Bootsverleih und Anleger – deutlich windgeschützter als die offene Ostseeseite. Direkt anschließend beginnt die Granitz, ein ausgedehntes Buchenwaldgebiet mit dem Jagdschloss auf dem Tempelberg. Beides gehört zum Biosphärenreservat Südost-Rügen, das auch die Halbinsel Mönchgut mit ihren schmalen Landzungen und Fischerdörfern umfasst.
Fazit: der Ort mit dem berühmtesten Bild Rügens
Sellin lebt von einer einzigen, sehr guten Idee: eine Brücke ins Meer, an deren Ende man unter Wasser fahren kann, und darüber ein Ort aus weißen Villen auf einer Steilküste. Dazu kommen ein stiller See auf der Rückseite, ein Buchenwald mit Jagdschloss und eine Dampfbahn, die im Ort hält. Für ein Bad mit 2.500 Einwohnern ist das eine bemerkenswerte Dichte.
Jetzt bin ich neugierig: Was reizt dich mehr – die Fahrt in der Tauchgondel, der Blick von der Himmelsleiter oder eine Wanderung durch die Granitz? Schreib es mir in die Kommentare, und wenn du Fragen zur Wahl zwischen Sellin, Baabe und Binz hast, immer her damit. Und wenn dir der Guide gefallen hat, gib ihn an alle weiter, die Rügen noch vor sich haben.
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